Einleitung: Auffällig warm ist noch keine Diagnose
Wärmebilder wirken unmittelbar: Ein heller Fleck auf einem Modul, eine deutlich wärmere Anschlussdose oder eine abweichende Modulreihe scheint den Fehler bereits sichtbar zu machen. Genau darin liegt die Stärke der Thermografie – und zugleich ihr größtes Missverständnis. Die Infrarotkamera bildet die von einer Oberfläche ausgehende Strahlung ab und berechnet daraus unter festgelegten Annahmen eine scheinbare Oberflächentemperatur. Sie zeigt damit zunächst eine thermische Auffälligkeit unter den Bedingungen des Aufnahmezeitpunkts, nicht automatisch deren Ursache, elektrische Auswirkung oder Sicherheitsrelevanz [4][5][7].
Für die passive Outdoor-Thermografie an betriebenen PV-Anlagen bildet DIN IEC/TS 62446-3 (VDE V 0126-23-3):2018-04 die zentrale deutsche Vornorm. Sie übernimmt IEC TS 62446-3:2017 und behandelt unter anderem Messausrüstung, Umgebungsbedingungen, Prüfablauf, Auswertung, Bericht und Personalqualifikation. Das Verfahren nutzt den normalen Betrieb unter natürlicher Sonneneinstrahlung; eine äußere Strom- oder Wärmequelle ist nicht Bestandteil dieser passiven Prüfung [1]. Die Vornorm ist damit eine technische Verfahrensgrundlage, aber keine allgemeine gesetzliche Pflicht zur Thermografie jeder Anlage. Technische Normen werden grundsätzlich freiwillig angewendet; verbindlich können sie etwa durch Rechtsvorschriften, Verträge oder konkrete Vereinbarungen werden [2].
Dieser Beitrag erklärt, welche Aussagen ein fachgerecht aufgenommenes Wärmebild tragen kann, welche Randbedingungen seine Qualität bestimmen und wann weitere Prüfmethoden erforderlich sind. Im Mittelpunkt steht nicht ein Katalog bunter Fehlermuster, sondern die belastbare Trennung von Beobachtung, Ursachenhypothese und Bewertung. Gerade für Betreiber, Versicherer und Fachplaner ist diese Trennung entscheidend: Erst sie verhindert, dass eine Momentaufnahme überinterpretiert oder ein unauffälliges Bild mit einem vollständigen Zustandsnachweis verwechselt wird.
Was die Kamera tatsächlich misst
Oberflächenstrahlung statt Blick ins Modulinnere
Jeder Körper sendet abhängig von seiner Temperatur elektromagnetische Strahlung aus. Eine Wärmebildkamera erfasst einen Teil dieser Infrarotstrahlung und stellt räumliche Unterschiede als Temperaturbild dar. Die angezeigte Temperatur entsteht jedoch nicht allein aus der tatsächlichen Bauteiltemperatur. In die Berechnung fließen unter anderem der eingestellte Emissionsgrad, die reflektierte scheinbare Temperatur, die Atmosphäre zwischen Objekt und Kamera sowie Aufnahmeabstand und Blickwinkel ein. Bei PV-Modulen kommt die Glasoberfläche hinzu: Sie reflektiert Anteile der Umgebung und kann dadurch Himmel, Sonne, Gebäude oder auch die prüfende Person als scheinbare thermische Struktur abbilden [4][7].
Ein Thermogramm ist deshalb kein „Röntgenbild“ der Zelle. Es zeigt die Temperaturverteilung an der erfassten Oberfläche mit der räumlichen und thermischen Auflösung des verwendeten Systems. Eine interne elektrische oder mechanische Veränderung wird nur dann sichtbar, wenn sie unter den aktuellen Betriebsbedingungen einen hinreichenden thermischen Kontrast an dieser Oberfläche erzeugt. Umgekehrt kann eine sichtbare Temperaturdifferenz auch aus einer äußeren Einwirkung entstehen. Das Bild ist ein Messbefund; die Diagnose entsteht erst durch Kontext und Gegenprüfung. [5][6]
Auch die Farbe ist keine Befundklasse. Dasselbe radiometrische Bild kann je nach Palette und gewähltem Temperaturbereich dramatisch rot oder nahezu unauffällig erscheinen. Für die Auswertung zählen deshalb Messwerte, Skala, Vergleichsbezug und Randbedingungen – nicht die intuitive Wirkung der Farbdarstellung [4][5].
Passive und aktive Thermografie nicht vermischen
Bei der für Anlagen im Freien üblichen passiven Thermografie liefert der laufende PV-Betrieb die thermische Anregung. Sonneneinstrahlung, Stromfluss und Verlustmechanismen erzeugen Temperaturunterschiede, ohne dass das Prüfteam eine zusätzliche Energiequelle einsetzt [1]. Aktive Thermografieverfahren arbeiten dagegen mit einer kontrollierten äußeren Anregung und bewerten häufig auch die zeitliche Temperaturantwort. Solche Verfahren können in Labor- und Fertigungsanwendungen wertvoll sein, beantworten aber eine andere Messfrage und dürfen nicht mit einer passiven Aufnahme im Anlagenbetrieb gleichgesetzt werden [20].
Auch eine einfache Übersichtsbefliegung und eine detaillierte thermografische Prüfung sind nicht dasselbe. Die frei zugängliche Vorschau zu IEC TS 62446-3 unterscheidet Prüfklassen und macht deutlich, dass aus einer vereinfachten Prüfung keine maßgeblichen Schlussfolgerungen zur Modulqualität gezogen werden sollen [1]. Ein schnell erzeugtes Übersichtsbild kann verdächtige Bereiche priorisieren; eine belastbare Zustands- oder Ursachenbewertung verlangt mehr.
Welche Auffälligkeiten sichtbar werden können
Muster auf Zell-, Teilstring- und Modulebene
Unter geeigneten Bedingungen kann Thermografie räumlich sehr unterschiedliche Erscheinungen sichtbar machen. Ein eng begrenzter warmer Bereich kann auf eine lokal erhöhte Verlustleistung hinweisen. Wiederkehrende Formen entlang einzelner Zellen, eines Teilstrings oder eines ganzen Moduls können mit der elektrischen Verschaltung, einer aktivierten Bypassdiode, elektrischer Fehlanpassung (Mismatch) oder einem abweichenden Betriebspunkt zusammenhängen. Gleichmäßig wärmere oder kühlere Module beziehungsweise Reihen können außerdem auf unterschiedliche Betriebszustände, Abschaltungen oder systematische äußere Einflüsse hindeuten. Fachberichte und Reviews zeigen, dass Thermografie solche Auffälligkeiten schnell und berührungslos im laufenden Betrieb lokalisieren kann [4][5].
Die Form ist dennoch kein eindeutiger Fehlercode. Ein warm erscheinender Zellbereich kann beispielsweise durch eine elektrische Zellauffälligkeit, Teilverschattung oder Verschmutzung beeinflusst sein. Ein auffälliger Teilstring kann verschiedene Ursachen in der Zelle, der Verschaltung oder der Diode haben. Selbst ähnliche Wärmebilder können bei unterschiedlichen Modultechnologien und Betriebszuständen anders zu bewerten sein. Fehlerkataloge bleiben als Orientierung nützlich, dürfen aber nicht ohne Prüfung auf jede heutige Modulbauart übertragen werden [4][5][10].
Anschlussstellen und Komponenten der Systemperipherie
Der Anwendungsbereich der Outdoor-Thermografie kann neben den Modulen auch Komponenten der Systemperipherie erfassen, etwa Kabel, Kontakte, Sicherungen, Schalter oder Wechselrichter [1]. Lokale Erwärmung an einer zugänglichen Anschlussstelle kann einen prüfbedürftigen Bereich markieren. Ihre Bedeutung hängt jedoch von Strom, Last, Umgebung, Bauart, zulässiger Betriebstemperatur und Vergleichsstellen ab. Ein absoluter Temperaturwert ohne diese Informationen ist kein belastbares Annahme- oder Austauschmerkmal [5][7].
Bei elektrischen Betriebsmitteln ist zudem die sichere Zugänglichkeit Teil des Prüfkonzepts. Das Öffnen von Gehäusen, Messungen an aktiven Teilen oder Schalthandlungen gehören nicht in eine Betreiber-Selbstkontrolle. Thermografie kann die Instandhaltung unterstützen, ersetzt aber weder elektrotechnische Schutzmaßnahmen noch die erforderliche Fachkunde. DIN EN IEC 62446-2 ordnet Inspektion und Fehlerdiagnose in einen breiteren Instandhaltungsrahmen für netzgekoppelte PV-Systeme ein, ohne daraus ein starres Thermografieintervall für jede Anlage abzuleiten [3].
Die Aufnahmebedingungen entscheiden über den Aussagewert
Einstrahlung, Stabilität und Anlagenbetrieb
Diagnostisch verwertbare thermische Kontraste setzen einen für die Prüfaufgabe geeigneten Betriebs- und Einstrahlungszustand voraus. Bei geringer oder rasch wechselnder Einstrahlung kann der elektrische und thermische Kontrast zu schwach beziehungsweise instabil sein. Vorbeiziehende Wolken verändern die Einstrahlung in kurzer Zeit; Module reagieren aufgrund ihrer thermischen Trägheit verzögert. Eine Aufnahme unmittelbar nach einer starken Änderung kann daher unterschiedliche zeitliche Zustände statt unterschiedlicher Bauteilzustände zeigen. Auch Abregelung, Wechselrichterstillstand, geöffnete Stromkreise oder eine ungewöhnliche Verschaltung verändern das Muster [4][5].
Für hochwertige Feldaufnahmen sollten Einstrahlung und Anlagenbetrieb daher ausreichend hoch und möglichst stabil sein. In Fachpublikationen und Leitfäden genannte Erfahrungswerte sind jedoch keine universellen gesetzlichen oder technischen Pass-fail-Grenzen. Die notwendige Bedingung hängt unter anderem von Prüfziel, Modultechnik, thermischem Kontrast, Kamera, Anlagengeometrie und Vergleichsmethode ab. Sinnvoller als eine isolierte Zahl ist ein dokumentiertes Messfenster, in dem Wetter und Betrieb eine nachvollziehbare Vergleichbarkeit zulassen [4][6][7].
Wind, Wolken, Schatten und thermische Vorgeschichte
Wind führt Wärme durch Konvektion ab und kann lokale Temperaturunterschiede abschwächen oder verändern. Böiger Wind erzeugt zudem zeitlich wechselnde Randbedingungen. Schatten von Gebäudeteilen, Vegetation, Geländern, Leitungen, Personen oder der Drohne kann den elektrischen Betrieb einzelner Zellen beeinflussen und zugleich die Oberfläche abkühlen. Verschmutzung, Laub oder Vogelkot verändern Absorption und Verschattung. Diese Einflüsse können reale Auffälligkeiten verursachen, bestehende Befunde verdecken oder ein Muster vortäuschen, das ohne korrespondierendes Sichtbild falsch interpretiert würde [4][5][6].
Entscheidend ist außerdem die thermische Vorgeschichte. Zwei Aufnahmen derselben Anlage können sich unterscheiden, obwohl kein Bauteil verändert wurde, wenn Bewölkung, Wind oder Betriebszustand zuvor anders waren. Eine Wiederholungsmessung ist daher kein Zeichen einer „schlechten“ Prüfung, sondern bei instabilen Bedingungen häufig die fachlich richtige Reaktion. Reproduzierbarkeit entsteht nicht durch dieselbe Farbpalette, sondern durch vergleichbare Randbedingungen und dokumentierte Abweichungen [4][5].
Emissionsgrad, Reflexion und Blickwinkel
Quantitative Temperaturangaben verlangen besondere Sorgfalt. Die Kamera muss für die strahlungsphysikalischen Eigenschaften der betrachteten Oberfläche eingestellt werden. Fehlerhafte Annahmen zum Emissionsgrad oder zur reflektierten scheinbaren Temperatur verschieben den berechneten Wert. Ein flacher Blickwinkel erhöht bei Modulglas den Einfluss von Reflexionen; wechselnde Perspektiven erschweren den Vergleich. Auch Abstand, Atmosphäre und die geometrische Auflösung bestimmen, ob ein kleiner warmer Bereich über genügend Bildpunkte erfasst oder mit seiner Umgebung „vermischt“ wird [5][7].
Die Unsicherheitsanalyse von García-López und Álvarez-Tey zeigt für einen konkreten Feldaufbau, wie mehrere Beiträge – unter anderem Kamera, Emissionsgrad, Reflexion, Wetter und Aufnahmegeometrie – gemeinsam die Temperaturangabe beeinflussen [7]. Daraus folgt keine pauschale Unsicherheit für jede Prüfung. Der übertragbare Grundsatz lautet vielmehr: Je kleiner der bewertete Temperaturunterschied oder die auffällige Fläche ist, desto wichtiger sind dokumentierte Geräteeigenschaften und Kalibrierstatus, kontrollierte Einstellungen, geeignete Vergleichsbereiche und eine explizite Unsicherheitsbetrachtung [7].
Anlagenplan und Vergleichsgruppe
Ohne Anlagenkenntnis bleibt selbst ein scharfes Thermogramm mehrdeutig. Für die Interpretation sind zumindest die Zuordnung von Modul, String, MPP-Tracker (MPPT) und Wechselrichter, der momentane Betriebszustand sowie Besonderheiten wie Optimierer, unterschiedliche Ausrichtungen oder bekannte Verschattungen relevant. Vergleichbar sind vor allem Bauteile, die zur gleichen Zeit unter ähnlichen elektrischen und meteorologischen Bedingungen arbeiten. Ein Modul auf einer anderen Dachfläche oder an einem anderen Betriebspunkt ist nicht automatisch eine geeignete Referenz [4][5].
Eine nachvollziehbare Anlagendokumentation erleichtert deshalb die eindeutige Lokalisierung und spätere Gegenprüfung. DIN EN 62446-1 (VDE 0126-23-1):2019-04 ist derzeit die gültige deutsche Normausgabe für Dokumentation, Inbetriebnahmeprüfung und Besichtigung netzgekoppelter PV-Systeme. Der als Ausgabe 2026-01 geführte Revisionsentwurf ist zum Redaktionsstand ein Norm-Entwurf und keine geltende Norm [16][17]. Für die Thermografie bedeutet das praktisch: Fehlende oder veraltete String- und Lagepläne sind nicht nur lästig, sondern eine reale Grenze der Befundzuordnung.
Was ein Wärmebild nicht beweist
Temperaturmuster ist nicht gleich Fehlerursache
Die fachlich wichtigste Grenze ist die fehlende Eindeutigkeit. Thermografie kann den Ort und die Form einer thermischen Anomalie zeigen. Sie kann damit eine Ursachenhypothese stützen, aber häufig nicht zwischen allen plausiblen Ursachen entscheiden. Reflexion, Schmutz, Schatten, Modultechnologie, elektrische Verschaltung und aktueller Betrieb können ähnliche Bilder erzeugen. Ein Musterkatalog ist daher ein Hilfsmittel zur Hypothesenbildung, kein automatischer Diagnoseschlüssel [5][6][8].
Eine saubere Befundsprache trennt drei Ebenen: „Auf Zelle X ist eine gegenüber vergleichbaren Zellen erhöhte scheinbare Oberflächentemperatur sichtbar“ beschreibt die Beobachtung. „Das Muster ist mit lokaler Verlustleistung vereinbar“ formuliert eine Hypothese. „Ursache ist ein Zellriss und das Modul muss ersetzt werden“ wäre bereits eine kausale und handlungsbezogene Bewertung, die zusätzliche Belege benötigt. Diese sprachliche Disziplin ist besonders wichtig, wenn Aufnahmen als Grundlage für Gewährleistungs-, Versicherungs- oder Investitionsentscheidungen dienen.
Keine verlässliche Leistung oder Jahresertragswirkung aus einem Bild
Ein Temperaturunterschied ist nicht ohne Weiteres in Watt, Prozent Minderleistung oder Jahresertrag übersetzbar. Studien können unter definierten Bedingungen Zusammenhänge zwischen thermischer und elektrischer Signatur untersuchen; Muttillo et al. kombinierten beispielsweise Wärmebilder mit elektrischer Charakterisierung an einer begrenzten Modulstichprobe [9]. Solche Ergebnisse zeigen den Nutzen kombinierter Verfahren, liefern aber keine universelle Formel für andere Anlagen. Aktuelle Reviews betonen ebenfalls, dass Thermografie allein überwiegend qualitative beziehungsweise semiquantitative Hinweise liefert und Temperaturmuster nicht als direkte, anlagenunabhängige Prädiktoren der Degradation behandelt werden sollten [5][6].
Soll die aktuelle elektrische Wirkung quantifiziert werden, ist eine geeignete elektrische Messung erforderlich. IEC 60904-1 beschreibt die Messung von Strom-Spannungs-Kennlinien an PV-Zellen, Teilanordnungen und Modulen in natürlichem oder simuliertem Licht [11]. Eine I–V-Messung ergänzt die räumliche Ortsinformation des Wärmebilds um die elektrische Charakteristik zum Messzeitpunkt. Auch sie ist jedoch ohne passende Randbedingungen, Vergleichsbasis und gegebenenfalls Korrektur keine automatische Jahresertragsaussage [5][13].
Ein unauffälliges Bild ist kein vollständiger Zustandsnachweis
Nicht jeder Defekt erzeugt unter den gewählten Bedingungen ein sichtbares Temperaturmuster. Zellrisse, frühe Materialveränderungen oder elektrisch noch wenig wirksame Schäden können thermografisch unauffällig bleiben. Die IEA-PVPS-Fehlerübersicht und ein aktuellerer Thermografie-Review zeigen, dass verschiedene Ausfallmechanismen unterschiedliche Nachweismethoden benötigen und ihre Sichtbarkeit vom Entwicklungsstadium und Betriebszustand abhängt [5][10]. „Kein auffälliger Hotspot“ bedeutet deshalb nur, dass unter den dokumentierten Bedingungen keine entsprechende thermische Auffälligkeit erfasst wurde.
Ebenso wenig beweist ein Wärmebild allein eine akute Brandgefahr, sichere Restlebensdauer oder fachgerechte Gesamtinstallation. Dafür fehlen Informationen über elektrische Sicherheit, mechanischen Zustand, Schutzmaßnahmen, Montage, Dachanschlüsse und die Entwicklung über die Zeit. Die Thermografie kann einen Prüfbedarf priorisieren, aber die jeweilige Sicherheits- oder Qualitätsfrage muss mit dafür geeigneten Verfahren beantwortet werden [1][5][6].
Welche Ergänzungsmethode die offene Frage beantwortet
Sicht- und RGB-Aufnahme: Ist der Einfluss äußerlich erkennbar?
Zu jedem auffälligen Thermogramm sollte nach Möglichkeit eine räumlich zuordenbare Farb- beziehungsweise Sichtaufnahme (RGB) gehören. Sie kann Glasbruch, Verfärbungen, Schmutz, Laub, Vogelkot, Vegetation, Bauteilschatten oder äußere Schäden zeigen. Dadurch lassen sich Artefakte und äußere Einflüsse schneller erkennen. Eine Sichtaufnahme zeigt allerdings keine verdeckte Zellstruktur und quantifiziert weder Strom noch Leistung. IR und RGB sind deshalb ein Paar für Lokalisierung und Plausibilisierung, keine vollständige Diagnose [4][5].
Monitoring: Ist der Befund einmalig oder wiederkehrend?
Monitoringdaten liefern den zeitlichen und betrieblichen Kontext. Je nach Messgranularität können sie Alarme, Ausfälle oder Abweichungen auf Anlagen-, Wechselrichter-, MPPT- oder Stringebene zeigen. IEC 61724-1:2021 beschreibt Terminologie, Ausrüstung und Methoden für das Performance-Monitoring von PV-Systemen [18]. Eine kleine lokale Auffälligkeit kann in grob aufgelösten Daten dennoch verborgen bleiben; umgekehrt kann ein Leistungsunterschied mehrere Ursachen haben. Monitoring ersetzt daher nicht das Wärmebild, sondern hilft zu beurteilen, ob dessen Momentaufnahme zu einem wiederkehrenden Verhalten passt [5][19].
Die 2026 veröffentlichte IEA-PVPS-Ausarbeitung zu Digitalisierung und digitalen Zwillingen trennt kontinuierliche Monitoringdaten von Feldinspektionsdaten und betont deren komplementäre Rolle. Sie hält zugleich fest, dass bildgebende Verfahren allein keine verlässliche elektrische Leistungsinformation liefern [19]. Für Artikel und Bericht genügt deshalb ein knapper Grundsatz: Datenzeitreihe und Thermogramm sollten einander erklären; widersprechen sie sich, ist das ein Anlass zur Prüfung und kein Grund, eine Quelle vorschnell zu verwerfen.
I–V und Elektrolumineszenz: elektrische Wirkung oder Zellstruktur?
Die I–V-Kennlinie ist sinnvoll, wenn geklärt werden soll, ob ein thermischer Befund mit einer messbar veränderten elektrischen Charakteristik zusammenfällt. Elektrolumineszenz beantwortet eine andere Frage. Dabei werden die Zellen durch eine externe Stromversorgung in Vorwärtsrichtung betrieben und ihre schwache Emission bildlich erfasst. IEC TS 60904-13:2018 regelt Aufnahme, Verarbeitung und Interpretation solcher EL-Bilder [12]. Das Verfahren kann bestimmte Zellrisse, inaktive Bereiche oder Strompfadauffälligkeiten räumlich sichtbar machen, benötigt aber geeignete Bestromung und in der Regel Dunkelheit beziehungsweise eine technisch anspruchsvolle Abschirmung oder Tageslichtlösung [4][13].
Auch ein EL-Befund ist nicht automatisch gleichbedeutend mit einer bestimmten Minderleistung oder Austauschentscheidung. Die Methoden sollten deshalb nicht gegeneinander ausgespielt werden. IR beantwortet vor allem „Wo ist es thermisch auffällig?“, I–V „Welche elektrische Charakteristik liegt jetzt vor?“, Monitoring „Wann und wie wiederholt sich die Abweichung?“ und EL „Welche Zell- oder Strompfadstruktur ist sichtbar?“ Die offene Frage bestimmt die Ergänzungsmethode.
Eine praktikable Prüfkette kann so aussehen:
- IR- und RGB-Aufnahme lokalisieren die Auffälligkeit und dokumentieren sichtbare Einflüsse.
- Anlagenplan, Betriebszustand, Alarme und geeignete Monitoringdaten stellen den System- und Zeitbezug her.
- Bei unklaren oder instabilen Randbedingungen wird die Aufnahme unter besser vergleichbaren Bedingungen wiederholt.
- Eine I–V-Messung prüft bei Bedarf die aktuelle elektrische Wirkung; EL untersucht gezielt verdeckte Zell- oder Strompfadstrukturen.
- Erst die Gesamtschau begründet Priorität und Maßnahme; eine pauschale Austauschentscheidung allein aus einer Temperaturdifferenz ist nicht fachgerecht [5][13][19].
Handkamera, Drohne und automatische Auswertung
Die Plattform ändert die Messlogik nicht
Eine Handkamera erlaubt auf kleineren oder gut zugänglichen Anlagen eine kontrollierte Perspektive und unmittelbare Nachprüfung. Eine Drohnenaufnahme (UAV) kann große Dach- und Freiflächenanlagen wesentlich systematischer erfassen und IR- mit RGB-Daten koppeln. Der Vorteil der Flächenleistung ändert jedoch nichts an den physikalischen Randbedingungen. Höhe, Geschwindigkeit, Objektiv, Sensorauflösung, Blickwinkel und Bildüberlappung bestimmen, wie viele Bildpunkte auf eine Zelle oder ein Modul entfallen und wie sicher eine Auffälligkeit lokalisiert wird [8][14][15].
Bei Luftaufnahmen wird die eindeutige Zuordnung zur eigenen Qualitätsaufgabe. Wiederholte Modulstrukturen, Drift, Perspektivwechsel, GPS-Ungenauigkeit oder ein unvollständiger Lageplan können dazu führen, dass ein korrekt erkanntes Muster dem falschen Modul zugeordnet wird. Wetter und Betrieb können sich während eines längeren Fluges verändern, sodass frühe und späte Aufnahmen nicht mehr unmittelbar vergleichbar sind. Ein technisch guter UAV-Bericht braucht deshalb nicht nur scharfe Bilder, sondern konsistente Aufnahmebedingungen, Georeferenzierung und eine prüfbare Verbindung zwischen Thermogramm, Sichtbild und Anlagenposition [14][15].
Software priorisiert – sie urteilt nicht abschließend
Bildverarbeitung und maschinelles Lernen können Module segmentieren, Anomalien markieren und große Datenmengen vorsortieren. Das ist für große Anlagen wertvoll. Die Übertragbarkeit auf eine andere Kamera, Witterung, Modularchitektur oder Fehlerverteilung ist jedoch nicht selbstverständlich. Kleine oder einseitige Trainingsdatensätze und der Wechsel von der Trainings- zur Zielanlage können die Klassifikation verschlechtern. Auch eine hohe Testgenauigkeit beantwortet nicht automatisch, ob Ursache, elektrische Relevanz und Maßnahme richtig bewertet wurden [5][6].
Automatisierte Labels sollten daher als priorisierte Prüfhinweise behandelt werden. Als fachliche Best Practice sollte eine nachvollziehbare Auswertung Softwarestand und Klassensystem dokumentieren, die zugrunde liegenden Bilder bewahren und auffällige sowie stichprobenweise unauffällige Bereiche fachlich plausibilisieren [5]. Rechts- und Betriebsanforderungen für Drohneneinsätze sind gesondert zu prüfen; sie sind nicht Gegenstand dieses Beitrags.
Vom Wärmebild zum belastbaren Bericht
Befund, Hypothese und Bewertung getrennt dokumentieren
Ein aussagekräftiger Bericht muss einem fachkundigen Dritten ermöglichen, den Befund zuzuordnen, die Aufnahmebedingungen zu verstehen und die Bewertungsgrenze zu erkennen. IEC TS 62446-3 sieht Anforderungen an Prüfbericht und Prüfbedingungen vor; die folgende Zusammenstellung ist eine daraus und aus der Fachliteratur abgeleitete Dokumentationslogik, keine wörtliche Wiedergabe sämtlicher Normpflichtfelder [1][5].
Dokumentiert werden sollten insbesondere:
- Prüfziel, Prüfumfang, nicht erfasste Bereiche und verwendete Anlagenunterlagen,
- eindeutige Zuordnung zu Anlage, Teilfläche, Modul, String, MPPT und Wechselrichter, soweit für den Auftrag erforderlich,
- Kamera beziehungsweise Messsystem, relevante Geräteeinstellungen, Softwarestand und Aufnahmegeometrie,
- Datum, Uhrzeit, Einstrahlung, Umgebungstemperatur, Wind, Bewölkung, Schatten- und Reflexionseinflüsse sowie der Anlagenbetrieb,
- Thermogramm mit nachvollziehbarer Temperaturskala und korrespondierendes Sichtbild,
- beobachtetes Muster, Vergleichsbezug, Mess- und Zuordnungsunsicherheit sowie plausible Alternativerklärungen,
- fachliche Bewertung mit ausdrücklich benannter Aussagegrenze und begründeter Empfehlung für Wiederholung oder Ergänzungsprüfung.
Ein farbiges Bild ohne Rohdatenbezug, Lagezuordnung und Randbedingungen ist kaum reproduzierbar. Ebenso problematisch ist ein Bericht, der Beobachtung und Diagnose in einem Satz vermischt. Besser ist eine gestufte Form: erst der sichtbar gemachte Temperaturunterschied, dann die dazu passenden und nicht passenden Ursachenhypothesen, anschließend die durch Zusatzdaten abgesicherte Relevanz. Diese Struktur schützt sowohl vor vorschneller Entwarnung als auch vor unnötigem Austausch.
Wann eine Nachprüfung erforderlich ist
Als fachliche Ableitung ist eine Wiederholungs- oder Ergänzungsprüfung besonders sinnvoll, wenn Wetter oder Anlagenbetrieb instabil waren, Reflexionen nicht ausgeschlossen werden können, die Auflösung für das Muster nicht genügt, die Modulzuordnung unsicher ist oder Befund und Monitoring nicht zusammenpassen. Sie ist ebenfalls angezeigt, wenn aus dem Bild eine weitreichende Entscheidung über Sicherheit, Gewährleistung, Versicherung oder größeren Komponententausch abgeleitet werden soll. Dann sollte die Prüftiefe zum Entscheidungsrisiko passen [5][13].
Fazit
Thermografie ist eine leistungsfähige Methode, um thermische Auffälligkeiten an PV-Anlagen schnell, berührungslos und räumlich aufgelöst zu finden. Ihr größter Nutzen liegt im Screening und in der Priorisierung: Sie zeigt, wo genauer hingesehen werden sollte. Belastbar wird das Ergebnis erst, wenn Einstrahlung, Wind, Bewölkung, Betriebszustand, Aufnahmegeometrie, Emissions- und Reflexionseinflüsse sowie die elektrische Anlagenstruktur dokumentiert und berücksichtigt werden.
Ein Wärmebild beweist weder automatisch die Fehlerursache noch einen bestimmten Leistungsverlust, Jahresminderertrag, Sicherheitszustand oder eine verbleibende Lebensdauer. Ein unauffälliges Bild schließt verdeckte Schäden ebenfalls nicht aus. Sichtbild, Anlagenplan, Monitoring, I–V-Kennlinie und Elektrolumineszenz beantworten jeweils andere offene Fragen und werden zielgerichtet ergänzt statt pauschal gesammelt.
Mit UAVs, automatisierter Bildauswertung und der Verknüpfung von Inspektions- und Betriebsdaten wächst die Reichweite der Methode. Die grundlegende Bewertungsaufgabe bleibt jedoch bestehen: Aus einer farbigen Temperaturkarte muss eine nachvollziehbare Kette von Messbedingung, Befund, Hypothese, Gegenprüfung und begrenzter Schlussfolgerung werden. Erst dann verrät das Wärmebild fachlich mehr als nur, wo es im Moment wärmer aussah [5][6][19].
Literaturverzeichnis
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| [15] | National Renewable Energy Laboratory; Sandia National Laboratories; SunSpec Alliance; SuNLaMP PV O&M Best Practices Working Group: Best Practices for Operation and Maintenance of Photovoltaic and Energy Storage Systems; 3rd Edition. NREL/TP-7A40-73822, Dezember 2018, DOI 10.2172/1489002. https://docs.nlr.gov/docs/fy19osti/73822.pdf (abgerufen am 17.09.2026). |
| [16] | DIN/DKE: DIN EN 62446-1 (VDE 0126-23-1):2019-04, Photovoltaik(PV)-Systeme – Anforderungen an Prüfung, Dokumentation und Instandhaltung – Teil 1: Netzgekoppelte Systeme – Dokumentation, Inbetriebnahmeprüfung und Prüfanforderungen (IEC 62446-1:2016 + A1:2018); Deutsche Fassung EN 62446-1:2016 + A1:2018. https://www.vde-verlag.de/p/normen/din-en-62446-1-vde-0126-23-1-2019-04/0100516-DE-PR (abgerufen am 17.09.2026). |
| [17] | DIN/DKE: E DIN EN IEC 62446-1 (VDE 0126-23-1):2026-01, Photovoltaik(PV)-Systeme – Anforderungen an Prüfung, Dokumentation und Instandhaltung – Teil 1: Netzgekoppelte Systeme – Dokumentation, Inbetriebnahmeprüfungen und Besichtigung, Norm-Entwurf auf Grundlage IEC 82/2364/CDV:2025. https://www.dinmedia.de/de/norm-entwurf/din-en-iec-62446-1/396967530 (abgerufen am 17.09.2026). |
| [18] | International Electrotechnical Commission: IEC 61724-1:2021, Photovoltaic system performance – Part 1: Monitoring, Edition 2.0, veröffentlicht am 21.07.2021. https://webstore.iec.ch/en/publication/65561 (abgerufen am 17.09.2026). |
| [19] | Louwen, A.; Schill, C.; Ochoa, L.; Hrelja, N.; French, R. H.; Barcelos, E. I.; Li, M.; Herz, M.; Kubicek, B.; Dassler, D.; Hrsg. Schill, C.; Louwen, A.; Bruckman, L. S.; Jahn, U.: Digitalisation and Digital Twins in Photovoltaic Systems. IEA-PVPS T13-34:2026, Februar 2026, ISBN 978-1-7642902-6-5, DOI 10.69766/RMPH3089. https://iea-pvps.org/wp-content/uploads/2026/02/IEA-PVPS-T13-34-2026-REPORT-Digitalisation-Twins.pdf (abgerufen am 17.09.2026). |
| [20] | Zhao, X.; Zhao, Y.; Hu, S.; Wang, H.; Zhang, Y.; Ming, W.: Progress in Active Infrared Imaging for Defect Detection in the Renewable and Electronic Industries. Sensors 23(21) (2023), 8780. DOI 10.3390/s23218780. https://mdpi-res.com/d_attachment/sensors/sensors-23-08780/article_deploy/sensors-23-08780.pdf (abgerufen am 17.09.2026). |
